Liebe Kundinnen und Kunden, liebe Interessierte
Bei Careproduct arbeiten wir täglich daran, Ihnen nicht nur hervorragende Produkte zu bieten, sondern auch echte Unterstützung im Alltag – durch Service, Verfügbarkeit und persönliche Beratung. Doch um die Zukunft der Pflege und Mobilität aktiv mitzugestalten, braucht es mehr: Wissen, Forschung und neue Perspektiven.
Darum starten wir voller Freude eine Zusammenarbeit mit Simone Eicher und Ihrem Team von der Ostschweizer Fachhochschule (OST). Sie und Ihr Team wird unseren Blog künftig mit spannenden Beiträgen aus der Altersforschung bereichern – von aktuellen Entwicklungen bis hin zu Themen, die uns alle betreffen. Freuen Sie sich auf fundierte Einblicke und inspirierende Inhalte!
2. Blogbeitrag / 03.03.2026
Über die Autorin
Damaris Aschwanden ist Leiterin des IAF – Instituts für Altersforschung an der OST – Ostschweizer Fachhochschule. Sie ist promovierte Psychologin und begann sich bereits während ihres Studiums an der Universität Zürich für das Thema Altern zu interessieren, als sie im Rahmen eines Forschungspraktikums kognitive Aufgaben mit älteren Menschen durchführte. Sie forschte mehrere Jahre in den USA zum Zusammenhang von Persönlichkeit und kognitiver Gesundheit. Am IAF forschen sie und ihr Team anwendungsorientiert mit und für Menschen im hohen Lebensalter und stellen deren Bedürfnisse ins Zentrum.

Persönlichkeit und kognitive Gesundheit – wie unsere Charakterzüge das Altern prägen
Unsere Persönlichkeit prägt, wie wir denken, fühlen und handeln. Sie beeinflusst, wie wir mit Herausforderungen umgehen, wie wir unseren Alltag gestalten, wie wir Beziehungen pflegen – und auch, wie wir für unsere Gesundheit sorgen. Doch was genau meinen wir eigentlich, wenn wir von Persönlichkeit sprechen?
Die „Big Five“ – fünf grundlegende Persönlichkeitsmerkmale
In der Persönlichkeitspsychologie hat sich das Modell der sogenannten „Big Five“ etabliert. Es beschreibt fünf grundlegende Eigenschaften, die Menschen in unterschiedlicher Ausprägung besitzen. Diese Merkmale sind relativ stabil, können sich aber im Laufe des Lebens weiterentwickeln.
Gewissenhaftigkeit beschreibt, wie organisiert, zuverlässig und zielorientiert eine Person ist. Ein gewissenhafter Mensch plant beispielsweise Termine sorgfältig, hält Absprachen ein und bleibt auch dann dran, wenn etwas anstrengend wird – etwa beim regelmässigen Sport oder beim Lernen eines neuen Musikinstruments.
Neurotizismus bezeichnet die Tendenz, emotional empfindlich auf Stress zu reagieren. Menschen mit hoher Ausprägung machen sich schneller Sorgen, fühlen sich leichter überfordert oder grübeln stärker. Eine emotional stabile Person hingegen bleibt auch in schwierigen Situationen ruhiger und kann Belastungen besser einordnen.
Extraversion steht für Geselligkeit, Aktivität und positive Emotionen. Extravertierte Menschen suchen häufig den Austausch mit anderen, sind gerne unter Leuten und nehmen aktiv am sozialen Leben teil – etwa indem sie regelmässig Freunde treffen oder sich in Vereinen engagieren.
Offenheit für Erfahrungen beschreibt Neugier, Kreativität und Interesse an Neuem. Wer hier hoch ausgeprägt ist, probiert gerne neue Dinge aus, reist, lernt eine Sprache oder beschäftigt sich mit kulturellen und intellektuellen Themen.
Verträglichkeit steht für Mitgefühl, Hilfsbereitschaft und Kooperationsbereitschaft. Verträgliche Menschen gehen rücksichtsvoll mit anderen um, helfen gerne und legen Wert auf harmonische Beziehungen.
Jede Person trägt alle fünf Eigenschaften in sich – nur in unterschiedlicher Stärke. Und genau diese Unterschiede können über Jahrzehnte hinweg Auswirkungen auf unsere Gesundheit haben. In meiner eigenen Forschung konnten wir in grossen Langzeitstudien immer wieder zeigen, dass bestimmte Persönlichkeitsmerkmale eng mit der kognitiven Gesundheit und dem Demenzrisiko zusammenhängen.

Bild: KI-generiert. Exemplarische Darstellung der fünf Persönlichkeitseigenschaften (Big Five) anhand typischer Verhaltensweisen im Alltag.
Was bedeutet kognitive Gesundheit?
Kognitive Gesundheit beschreibt die Fähigkeit, geistige Prozesse wie Erinnern, Lernen, Denken, Planen und Entscheiden über die Lebensspanne hinweg möglichst gut aufrechtzuerhalten. Sie zeigt sich im Alltag etwa darin, dass wir Gesprächen folgen können, uns an Termine erinnern, Probleme lösen oder neue Informationen aufnehmen. Kognitive Gesundheit ist kein statischer Zustand, sondern ein dynamischer Prozess. Sie wird von vielen Faktoren beeinflusst – unter anderem von Bildung, körperlicher Gesundheit, sozialem Umfeld, Lebensstil und eben auch von der Persönlichkeit. Ziel ist nicht, bis ins hohe Alter in allen Bereichen gleich leistungsfähig zu bleiben, sondern die geistige Funktionsfähigkeit so lange wie möglich zu erhalten, um den Alltag selbstständig und aktiv gestalten zu können.
Kognitives Altern – Veränderungen als Teil des Lebens
Mit zunehmendem Alter verändern sich kognitive Fähigkeiten auf ganz natürliche Weise. Manche Prozesse, wie die Geschwindigkeit der Informationsverarbeitung oder das spontane Erinnern von Namen, können etwas nachlassen. Gleichzeitig bleiben andere Fähigkeiten oft stabil oder entwickeln sich sogar weiter. Dazu zählen beispielsweise Wortschatz, Lebenserfahrung oder die Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge zu verstehen. Kognitives Altern ist deshalb kein gleichmässiger Abbau, sondern ein individueller und vielschichtiger Prozess. Wie stark und wie schnell sich Veränderungen zeigen, hängt von vielen Einflüssen ab – von der körperlichen Gesundheit über den Lebensstil bis hin zu sozialen und psychologischen Faktoren. Die Forschung zeigt zunehmend, dass auch die Persönlichkeit eine wichtige Rolle dabei spielt, wie Menschen mit diesen Veränderungen umgehen und wie gut sie ihre geistige Fitness erhalten können.
Persönlichkeit als Gesundheitsfaktor
Zahlreiche Studien zeigen, dass bestimmte Persönlichkeitsmerkmale systematisch mit gesundheitsförderndem Verhalten einhergehen. Besonders deutlich wird dies bei der Gewissenhaftigkeit. Menschen mit dieser Eigenschaft achten häufiger auf eine ausgewogene Ernährung, treiben regelmässig Sport, nehmen Vorsorgeuntersuchungen wahr und vermeiden eher ungesunde Gewohnheiten wie Rauchen oder übermässigen Alkoholkonsum.
Sie strukturieren ihren Alltag, halten an Routinen fest und setzen sich Ziele. Diese scheinbar kleinen Verhaltensweisen summieren sich über die Jahre und können langfristig einen grossen Unterschied machen. Auch Offenheit für Erfahrungen kann eine wichtige Rolle spielen. Wer neugierig bleibt, sich mit neuen Themen beschäftigt oder kreative Hobbys pflegt, fordert das Gehirn immer wieder heraus. Kognitiv anregende Aktivitäten wie Lesen, Musizieren oder das Lernen einer Sprache tragen dazu bei, geistig flexibel zu bleiben. Extraversion und Verträglichkeit wiederum wirken oft über soziale Beziehungen. Menschen, die gerne im Austausch mit anderen stehen, bleiben häufiger eingebunden, pflegen Freundschaften und sind Teil von Gemeinschaften. Soziale Aktivität gilt als wichtiger Schutzfaktor für die geistige Gesundheit.
Gleichzeitig zeigt die Forschung, dass ein hoher Neurotizismus eher mit ungünstigen Gesundheitsverläufen verbunden ist. Menschen, die stärker zu Sorgen, Anspannung und emotionaler Belastung neigen, erleben häufiger Stress, schlafen schlechter und greifen mitunter eher zu ungesunden Bewältigungsstrategien. Diese Faktoren können sich über die Jahre hinweg negativ auf die körperliche und kognitive Gesundheit auswirken. Neurotizismus ist damit kein „Risiko“ im direkten Sinn, aber ein Persönlichkeitsmerkmal, das mit Belastungen einhergehen kann, die langfristig auch die geistige Fitness beeinflussen.
Persönlichkeit und Demenzrisiko
Die Forschung der letzten Jahre zeigt, dass Persönlichkeit nicht nur indirekt über Verhalten wirkt, sondern auch mit dem langfristigen Risiko für kognitive Erkrankungen zusammenhängt.
Besonders zwei Eigenschaften stechen hervor: hohe Gewissenhaftigkeit und hohe emotionale Stabilität (also niedriger Neurotizismus). Studien zeigen, dass Menschen mit diesen Persönlichkeitsprofilen ein rund 25 Prozent geringeres Risiko haben, im Alter an Demenz zu erkranken. Gleichzeitig verläuft der kognitive Abbau bei ihnen im Durchschnitt langsamer.
Umgekehrt ist ein hoher Neurotizismus mit einem erhöhten Risiko für kognitive Einschränkungen verbunden. Menschen, die häufig unter Stress, Sorgen oder innerer Anspannung leiden, erleben über die Jahre hinweg mehr psychische Belastung. Chronischer Stress kann sich langfristig negativ auf das Gehirn auswirken – etwa über Schlafprobleme, Entzündungsprozesse oder ungesunde Bewältigungsstrategien. Dabei geht es nicht darum, dass einzelne Eigenschaften „gut“ oder „schlecht“ sind. Vielmehr zeigen die Ergebnisse, dass Persönlichkeit bestimmte Wege wahrscheinlicher macht – etwa in Bezug auf Lebensstil, Stressverarbeitung oder soziale Einbindung.
Der indirekte Weg: Verhalten als Schlüssel
Ein zentraler Befund der Forschung ist, dass Persönlichkeit vor allem über alltägliche Gewohnheiten wirkt. Gewissenhafte Menschen entwickeln eher Routinen, die ihre Gesundheit schützen. Emotional stabile Menschen können besser mit Belastungen umgehen und geraten seltener in langanhaltende Stressspiralen. Offenheit wiederum fördert geistige Aktivität. Wer sich regelmässig neuen Erfahrungen aussetzt, trainiert das Gehirn und baut sogenannte kognitive Reserven auf. Diese helfen, altersbedingte Veränderungen länger auszugleichen.
Auch soziale Kontakte spielen eine wichtige Rolle. Menschen, die sich eingebunden fühlen und aktiv am Leben teilnehmen, profitieren nicht nur emotional, sondern auch kognitiv. Gespräche, gemeinsame Aktivitäten und soziale Rollen halten das Gehirn in Bewegung.
Persönlichkeit verändert sich – ein Leben lang
Eine besonders ermutigende Erkenntnis aus der Forschung ist, dass Persönlichkeit zwar relativ stabil, aber nicht unveränderlich ist. Im Laufe des Lebens entwickeln sich viele Menschen weiter – oft in Richtung grösserer Gewissenhaftigkeit und emotionaler Stabilität. Dass solche Veränderungen möglich sind, zeigt unter anderem die sogenannte PEACH-Studie aus Zürich. In dieser Untersuchung wurde deutlich, dass sich Persönlichkeitsmerkmale gezielt beeinflussen lassen – etwa dann, wenn Menschen sich bewusst persönliche Entwicklungsziele setzen und aktiv an neuen Gewohnheiten arbeiten.
Diese Veränderungen entstehen nicht von selbst, sondern durch Erfahrungen und Entscheidungen im Alltag. Wer Verantwortung übernimmt, neue Herausforderungen annimmt oder Routinen aufbaut, kann langfristig auch Persönlichkeitszüge stärken. So kann etwa das bewusste Etablieren von Strukturen – regelmässige Bewegung, feste Termine oder Lernziele – dazu beitragen, gewissenhafter zu werden. Ebenso kann das Erlernen von Strategien zur Stressbewältigung helfen, emotional stabiler mit Belastungen umzugehen. Solche Entwicklungen wirken sich nicht nur auf das unmittelbare Wohlbefinden aus, sondern können langfristig auch die kognitive Gesundheit unterstützen.
Eine besonders ermutigende Erkenntnis aus der Forschung ist, dass Persönlichkeit zwar relativ stabil, aber nicht unveränderlich ist. Im Laufe des Lebens entwickeln sich viele Menschen weiter – oft in Richtung grösserer Gewissenhaftigkeit und emotionaler Stabilität. Dass solche Veränderungen möglich sind, zeigt unter anderem die sogenannte PEACH-Studie aus Zürich. In dieser Untersuchung wurde deutlich, dass sich Persönlichkeitsmerkmale gezielt beeinflussen lassen – etwa dann, wenn Menschen sich bewusst persönliche Entwicklungsziele setzen und aktiv an neuen Gewohnheiten arbeiten.
Diese Veränderungen entstehen nicht von selbst, sondern durch Erfahrungen und Entscheidungen im Alltag. Wer Verantwortung übernimmt, neue Herausforderungen annimmt oder Routinen aufbaut, kann langfristig auch Persönlichkeitszüge stärken. So kann etwa das bewusste Etablieren von Strukturen – regelmässige Bewegung, feste Termine oder Lernziele – dazu beitragen, gewissenhafter zu werden. Ebenso kann das Erlernen von Strategien zur Stressbewältigung helfen, emotional stabiler mit Belastungen umzugehen. Solche Entwicklungen wirken sich nicht nur auf das unmittelbare Wohlbefinden aus, sondern können langfristig auch die kognitive Gesundheit unterstützen.
Gesund altern heisst: das Leben aktiv gestalten
Ein gesunder Lebensstil im Alter orientiert sich an den individuellen Möglichkeiten, Bedürfnissen und Werten. Entscheidend ist, aktiv zu bleiben – körperlich, geistig und sozial.
Für manche bedeutet das, ein Instrument zu lernen. Für andere, sich ehrenamtlich zu engagieren, zu reisen, eine Sprache zu lernen oder regelmässig Zeit mit Familie und Freunden zu verbringen. All diese Aktivitäten fördern geistige Flexibilität und stärken die Lebensqualität.
Die Forschung zeigt, dass Persönlichkeit dabei wie ein innerer Kompass wirkt. Sie beeinflusst, welche Wege wir einschlagen, wie wir mit Herausforderungen umgehen und wie wir unser Leben gestalten. Gleichzeitig eröffnet sie neue Perspektiven für die Prävention: Wenn wir verstehen, wie Persönlichkeitsmerkmale mit Gesundheit zusammenhängen, können wir gezielter ansetzen – etwa durch Programme, die Selbstorganisation, Stressbewältigung oder soziale Teilhabe fördern.
Die Erkenntnisse der letzten Jahre machen deutlich, dass kognitive Gesundheit nicht nur eine Frage der Gene oder des Zufalls ist. Sie entsteht im Zusammenspiel von Persönlichkeit, Verhalten und Lebensumfeld – und entwickelt sich über Jahrzehnte hinweg. Wer neugierig bleibt, Verantwortung übernimmt, Beziehungen pflegt und auf sich achtet, legt nicht nur den Grundstein für ein erfülltes Leben, sondern auch für einen wachen Geist bis ins hohe Alter.
Referenzen
Aschwanden, D., Strickhouser, J. E., Luchetti, M., Stephan, Y., Sutin, A. R., & Terracciano, A. (2021). Is personality associated with dementia risk? A meta-analytic investigation. Ageing Research Reviews, 67. https://doi.org/10.1016/j.arr.2021.101269
Bogg, T., & Roberts, B. W. (2004). Conscientiousness and health-related behaviors: a meta-analysis of the leading behavioral contributors to mortality. Psychological Bulletin, 130, 887–919. https://doi.org/10.1037/0033-2909.130.6.887
Costa, P. T., & McCrae, R. R. (1992a). Four ways five factors are basic. Personality and Individual Differences, 13, 653-665. https://doi.org/10.1016/0191-8869(92)90236-I
Salthouse, T. A. (2004). What and when of cognitive aging. Current Directions in Psychological Science, 13, 140-144. https://doi.org/10.1111/j.0963-7214.2004.00293.x
Stieger, M., Nissen, M., Rüegger, D., Kowatsch, T., Flückiger, C., & Allemand, M. (2018). PEACH, a smartphone- and conversational agent-based coaching intervention for intentional personality change: study protocol of a randomized, wait-list controlled trial. BMC Psychology, 6. https://doi.org/10.1186/s40359-018-0257-9
1. Blogbeitrag / 19.11.2025
Über die Autorin
Simone Eicher ist Leiterin des Kompetenzzentrum technologische Innovationen und Alter am Institut für Altersforschung an der OST.
Sie ist Bewegungswissenschaftlerin und fasziniert von der Schnittstelle Mensch und Technik. Zuvor arbeitete sie mehrere Jahre als Sporttherapeutin im Team Robotik und Sport einer Rehaklinik als Anwenderin und seit fünf Jahren ist sie am Institut für Altersforschung an dieser Schnittstelle tätig. Sie und ihr Team forschen anwendungsorientiert mit und für Menschen im hohen Lebensalter und stellen deren Bedürfnisse ins Zentrum.

Roboter in der Pflege und Betreuung: Zwischen Vision und Wirklichkeit
Roboter in der Pflege – eine Zukunftsvision, die einerseits Hoffnung auf Entlastung und Unterstützung weckt, andererseits aber auch viele Fragen und Unsicherheiten aufwirft. Was ist heute bereits Realität, und wo liegen die Grenzen? Diese Frage ist nicht einfach zu beantworten, da Vision und Wirklichkeit oft miteinander vermischt werden.
Dieser Beitrag zeigt – basierend auf Erfahrungen aus Forschungsprojekten des IAF – Instituts für Altersforschung - welche Entwicklungen tatsächlich funktionieren, wo die grössten Hürden liegen und welche Chancen sich langfristig eröffnen.
1. Erwartungen, Mythen und mediale Versprechen
Roboter in der Pflege werden in den Medien häufig als Allzwecklösung dargestellt – als Helfer beim Heben von Menschen, als Erinnerungssysteme für die Medikamenteneinnahme oder gar als Freund und Gesprächspartner. Doch viele mediale Versprechen übertreiben. Wer bei Google nach „Die Zukunft der Pflege“ sucht, findet unzählige Bilder humanoider, also menschenähnlicher Roboter.
Solche Darstellungen in Medien, an Fachvorträgen oder im Netz vermitteln den Eindruck, dass wir in wenigen Jahren solche „Pflegenden“ am Patientenbett sehen werden. Das hier verwendete Bild ist computergeneriert und somit eine symbolische Darstellung – es zeigt keine reale Situation. Provokative Schlagworte wie „die Entmenschlichung der Pflege“ erzeugen Aufmerksamkeit, schüren aber auch Ängste. Das ist verständlich, denn ein zentraler Faktor in Pflege und Betreuung ist das Zwischenmenschliche. Die Vorstellung, dass Maschinen diese Rolle übernehmen, löst oftmals ein ungutes Gefühl aus.
Ein häufig genanntes Beispiel für den Einsatz von Technologien in der Pflege ist Japan: Ein genauer Blick zeigt jedoch: Das Land der aufgehenden Sonne hat zwar im Rahmen seiner Technologiestrategie ab 2014 enorme Summen in die Entwicklung von robotischen Assistenzsystemen investiert, um Lösungen für die alternde Gesellschaft zu entwickeln. Viele Forschungsprojekte brachten Prototypen hervor, und es gab finanzielle Anreize für Pflegeinstitutionen, solche Technologien zu testen oder zu leasen. Dennoch haben es nur wenige davon tatsächlich auf den Markt geschafft. Eine vom deutschen Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) in Auftrag gegebene Studie kam 2019 zu dem Ergebnis, dass in Japan nicht mehr Servicerobotik in der Pflege eingesetzt wird als in Deutschland. Die Vorstellung, dass Roboter Pflegefachpersonen ersetzen könnten, ist also auch in Japan noch weit von der Realität entfernt.
2. Warum viele Projekte in der Praxis scheitern
Trotz zahlreicher Pilotprojekte ist der breite Einsatz robotischer Technologien bisher begrenzt. In der Praxis sind Roboter meist auf Teilaufgaben spezialisiert und erfordern sehr strukturierte und angepasste Abläufe sowie Schulungen der Anwender:innen. Weiter zeigen Erfahrungen: Pflegepersonen und Bewohnende von Alters- und Pflegeheimen sind zwar skeptisch, aber oft auch neugierig und offen, neue Technologien wie Roboter auszuprobieren. Den geringen Verbreitungsgrad allein mit „fehlendem Technikinteresse“ zu erklären, greift zu kurz.
Die Forschung zeigt, dass viele Systeme an der Akzeptanz der Endnutzenden scheitern, weil ihr Einsatz aktuell oft mehr Aufwand als Entlastung verursacht. Roboter müssen betreut, gewartet, geladen und mit dem WLAN verbunden werden. Fehlermeldungen treten auf, und die Geräte sind teuer. Zudem ist die Integration in komplexe Pflegeabläufe anspruchsvoll. Auch ethische Fragen wie Datenschutz und Privatsphäre spielen eine wichtige Rolle, insbesondere wenn Kameras oder Sensoren der Roboter persönliche Daten erfassen. So fristen viele Roboter nach Abschluss der Forschungsprojekte ein Dasein im Schrank – wie es auch James Wright in seinem Buch „Robots Won’t Save Japan“ beschreibt.
Hinzu kommt, dass auch die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen herausfordernd sind: Viele Robotikhersteller, die den Markteintritt gewagt haben, mussten in den letzten Jahren aufgeben. So musste beispielsweise 2025 die Firma hinter den Robotern Pepper und Nao, den zwei sehr bekannten und in den Medien prominent vertretenen Robotern, Insolvenz anmelden. Den Überblick über aktuell auf dem Markt erhältlichen Technologien zu haben ist eine Herausforderung. Das Robotik-Geschäft scheint kein einfaches Business zu sein, die bisherigen Erwartungen wurden klar verfehlt.

Bild KI generiert.
3. Grenzen und Chancen moderner Technologien
Dies ist Roboter können und sollen emotionale Nähe, Empathie und individuelle Betreuung nicht ersetzen.
Ein erfolgreicher Einsatz gelingt dort, wo Technologie als Ergänzung zum Menschen dient. So können Robotertiere wie Paro, Joy for All oder Moflin Kommunikation fördern, Erinnerungen wecken, aktivieren oder beruhigen. Dies gelingt jedoch nur, wenn die Technologie als sinnvoll empfunden und gezielt eingesetzt wird. Auch Routineaufgaben wie Transport, Erinnerung oder Monitoring lassen sich bereits automatisieren und sind mögliche sinnvolle Anwendungsfelder. Für pflegerische Aufgaben hingegen sind die regulatorischen Hürden deutlich höher und rechtliche, technische, ethische und wirtschaftliche Fragen bleiben bestehen.
Die Implementierung von Technologien im realen Alltag braucht Zeit. Alle Beteiligten müssen die Technologie kennenlernen, Erfahrungen sammeln, herausfinden wo und wie die Technologie einen Mehrwert bietet. Dies ist sehr individuell. So kann ein Staubsaugroboter für die einen ein toller Alltagshelfer sein, für andere aber ist er im Alltag unnütz. Beide haben recht. Die Technologie muss zum Menschen und seinen Bedürfnissen passen. Welche Lösung angemessen ist, muss jede und jeder für sich selbst prüfen und entscheiden.Absatz

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4. Ein realistischer Blick in die Zukunft
Technologiekonzerne investieren Milliarden in neue Robotermodelle. Immer wieder liest man von humanoiden Systemen, die auf den Markt kommen und uns künftig unterstützen sollen. Die Fortschritte sind beeindruckend, doch die Realität bleibt komplex. In kontrollierten Umgebungen wie beispielsweise der industriellen Fertigung von Produkten funktioniert vieles bereits erstaunlich gut. Damit Roboter jedoch in der unvorhersehbaren, menschlichen Umgebung wie einem Alters- und Pflegeheim zuverlässig arbeiten können, haben die Robotikentwickler:innen noch viel Arbeit vor sich.
Auch der ETH-Professor Robert Riener weist in einem Review 2023 darauf hin, dass humanoide Roboter trotz grosser Fortschritte noch weit davon entfernt sind, die Geschicklichkeit und Anpassungsfähigkeit des Menschen zu erreichen. Aktuell können nur spezialisierte Roboter in klar strukturierten Umgebungen mit menschlicher Leistung konkurrieren. Für komplexe Aufgaben in menschlichen Lebensräumen wie pflegerische Handlungen oder als Assistent in der Küche, fehlen bislang geeignete Lösungen.
5. Fazit
Die Vision von humanoiden Robotern in der Pflege und Betreuung ist ausserhalb der Forschung noch nicht absehbar und oft noch weit entfernt von marktreifen Anwendungen, aber die Entwicklung ist beeindruckend. Die ersten Einsatzorte werden wahrscheinlich industrielle Bereiche, Teile des Einzelhandels und ausgewählte Serviceumgebungen sein, also Orte, an denen Layout und Abläufe klar definiert sind.
Wenn wir heute über Roboter in der Pflege und Betreuung sprechen, bewegen wir uns zwischen grossen Erwartungen und ebenso grossen Fragen. Viele Visionen klingen beeindruckend, doch der Alltag zeigt, dass Technik allein keine Probleme löst. Entscheidend ist, wie wir sie einsetzen.
In den nächsten Jahren werden wir vermutlich eine Zunahme von spezialisierten Systemen sehen – kleine Helfer für Transport, Erinnerung oder Aktivierung, aber keine humanoiden Pfleger am Bett. Gleichzeitig wächst das Zusammenspiel von Sensorik, künstlicher Intelligenz und Telemedizin. Daraus entsteht ein neues Pflegeökosystem, das Arbeit erleichtern und Qualität verbessern kann, wenn die Technik mit Augenmass, ethischer Verantwortung und in enger Abstimmung mit Pflege und Gepflegten entwickelt wird.
6. Ausblick
Das Thema Robotik in der Pflege beleuchte ich am 3. Dezember 2025 am MittwochsKaffee bei Bewegungswelten Careproduct. Schauen Sie mit mir zurück auf die Entwicklung der letzten Jahre, auf Prognosen und darauf, was bisher erreicht wurde. Schmunzeln Sie über Alltagsprobleme von Robotern und diskutieren Sie die Frage, wo Roboter entlasten könnten. Ziel ist kein Zukunftsversprechen, sondern ein realistischer, offener Austausch darüber, welche Rolle Roboter künftig in der Pflege und Betreuung spielen sollen – und welche nicht.
Weiterführende Quellen
• Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi). (2019). Einsatz von robotischen Systemen in der Pflege in Japan mit Blick auf den steigenden Fachkräftebedarf (Kurzfassung). IGES Institut. https://www.bundeswirtschaftsministerium.de/Redaktion/DE/Publikationen/Studien/einsatz-von-robotischen-systemen-pflege-japan.html
• Wright, J. (2023). Robots Won’t Save Japan: An Ethnography of Eldercare Automation. ILR Press / Cornell University Press. https://doi.org/10.7591/cornell/9781501768040.001.0001
• Riener R, Rabezzana L and Zimmermann Y (2023) Do robots outperform humans in human-centered domains?. Front. Robot. AI 10:1223946. https://doi.org/10.3389/frobt.2023.1223946
• IAF – Institut für Altersforschung, OST Ostschweizer Fachhochschule, IAF Institut für Altersforschung | OST
• Robotikplattform: robotik-info.ch
